«Der Bund» vom 10.11.2011, zitiert aus Daniel Di Falco:
Die Wahrheit über
Milchmädchenmonster
... Man könnte sich ja darüber empören, nur noch als Kosten-Nutzen-Problem angesprochen zu werden. Doch wie weit die Köpfe schon verstopft sind mit marktförmigem Denken, hat im «Blick» ein Rohrschlosser klargemacht, ein Lonza-Arbeiter in Visp: «Ich muss zwei Stunden länger arbeiten, weil der Franken so hart ist.» Er könnte auch sagen: weil die Firma es will. Weil sie ihre Risiken abwälzt. Aber die Firma war es auch nicht. Es war die Preispolitik der Konkurrenz, der Druck auf den Standort, die Aussicht auf sinkende Profite. Eben: der Markt. Und wenn man jetzt noch weiter nachfragt, kommen die Milchmädchensprüche: Wir können uns das nicht mehr leisten.
Solche Sätze hiessen bei den Marxisten Ideologie. Der Kulturtheoretiker Roland Barthes nannte sie moderne Mythen. Mythos – das ist die «Zuflucht zu einer falschen Natur»: ein Reden und Denken, das die Akte menschlicher Willkür als Selbstverständlichkeiten darstellt; ein Kostüm aus Gemeinplätzen, in dem das, was die Macht macht, wie ein Naturgesetz aussieht. «Die Kräfte am Markt wirken unaufhaltsam», sagen die Experten. Sie reden von den «Sorgen der Märkte»; man müsse sie «beruhigen», damit sie «wieder Vertrauen schöpfen».
Dass es umgekehrt sein könnte, dass sie unser Vertrauen brauchen – keine Rede davon. Der Jargon, der den Markt zur Gottheit erklärt, die wir bei Laune halten sollen, ist längst Gemeingut. Heute braucht es einen Literaturwissenschaftler wie Joseph Vogl*, um zu zeigen, dass die herrschende ökonomische Theorie ein Aberglaube ist und die «unsichtbare Hand» des Markts systematisch Krisen produziert und nicht etwa verhindert. «Man sollte sich überlegen», sagt der Mann, «ob sich unsere Volkswirtschaften das gegenwärtige Wirtschaftssystem noch leisten können.» Daniel Di Falco
*Das Gespenst des Kapitals. diaphanes, Zürich-Berlin 2010, ISBN 978-3-03734-116-2.